Senegal – Besuch in Thiangye im April 2015

‚Nechne!´ – wie oft haben wir dieses Wort ausgesprochen, wenn wir auf dem Boden sitzend unsere Mahlzeiten einnahmen! Es bedeutet „sehr gut“ und entstammt der Sprache der Wolof, der Mehrheitsbevölkerung des Senegal. Aber gehen wir an den Anfang der Geschichte. Mein Mann Reinhard und ich hatten gründlich überlegt, bis wir uns entschlossen, Reinhart nach Thiangaye zu begleiten. Eines vorweg: wir haben es nicht bereut, ganz im Gegenteil! Ich schlage mein Reisetagebuch auf…

Bei Amadou Sy - Thinagaye im April 2015

Bei Amadou Sy – Thinagaye  April 2015

Als Afrika-Neuling fallen mir 4 Dinge besonders auf: das Haus ist ein Raum, ein leerer Raum, es gibt keine Möbel, nur 2 große Matten, die den Steinboden bedecken. Darauf legen wir unsere dünnen Schlafmatten, befestigen die mitgebrachten Moskitonetze. Na, das wird eine Nacht werden…! Zweitens: gegessen wird gemeinsam aus einer riesengroßen Schüssel (Reis, darauf Gemüse und ein schöner Fisch), Besteck wird eigentlich nicht verwendet, aber wer will, bekommt einen Löffel. Vor dem Essen wird ein Behälter mit Wasser und Seife herumgereicht, und alle waschen sich die Hände.

Drittens – mein großer Schock: wie schon während der Fahrt beobachtet, ist auch im Dorf selbst das Problem mit dem Plastikmüll erschreckend. Er ist einfach überall, selbst in den Bäumen flattern Plastiksackerl, die der Wind dorthin getragen hat. Viertens: hier lebt man in aller Selbstverständlichkeit und Harmonie mit den Nutztieren – Ziegen, Schafe, Esel, ein paar Hühner. Die Ziegen würden schon mal im Haus nach Essbarem schauen oder „bei Tisch“ ein Schlückchen von unserem Waschwasser nehmen…

Gastfreundschaft hat einen hohen Stellenwert im Dorf. Wir werden zweimal täglich bekocht. Die Küche ist übrigens im Freien, eine gemauerte Feuerstelle. Am Nach-mittag ist es derartig heiß, dass man im Schatten ruht. Gegen Abend kann man wieder aktiv werden, das heißt für uns, dass wir gleich einmal das Dorf besichtigen. Der Senegalfluss begeistert mich, landschaftlich wunderschön, bewachsene Ufer. Es gibt einen Frauenwaschplatz, einen für die Männer, dazwischen den für die Autos – falls sich Baymor, unser afrikanischer Dolmetscher und Begleiter in allen Lebenslagen, nicht einen kleinen Scherz mit uns erlaubt hat! Und es gibt eine handbetriebene Rollfähre. Weiter geht’s in die – wie ich sie nenne – Altstadt, ins Ortszentrum, und wieder bin ich begeistert, meine Kamera will gar nicht aufhören zu filmen: die dicht aneinander gebauten kleinen Lehmhäuser sind so malerisch, dazwischen die Frauen in farbenprächtigen Kleidern, und Kinder, die uns begleiten und sich sehr freuen, solch exotische Gestalten wie uns zu sehen. Nach dem Abendessen lagern wieder alle im Freien unter einem Baum, der Mond steigt langsam auf und immer wieder kommen Männer herbei, um uns zu begrüßen. Tagsüber sind kaum Männer im Ort, weil sie auswärts arbeiten. Die Nacht auf der dünnen Unterlage ist dann überhaupt nicht schlimm. Erstaunlich!

Tag 4: Der Schuldirektor Amadou Sy holt uns zur Besichtigung der Schule und des Gesundheitszentrums ab. Dieses ist in einem ausgezeichneten Zustand, aber auf dem Schulgelände gäbe es viel zu tun. Das Schultor muss saniert werden, ebenso das kleine Direktionsgebäude, durch dessen Mauer ein langer Riss geht. Toiletten, Fußböden und Türschlösser der Klassenzimmer, viele Schulbänke sind in keinem guten Zustand.

Das Haus, das der Rainbowtrust für Amadou Sall bauen ließ, sieht ebenso wie die dazu gehörende Ecosan-Toilette sehr gut aus, ich freue mich richtig über dieses erfolgreiche Projekt. Direktor Amadou Sy ist ein gesprächiger Mann, er präsentiert alles ausführlich, bedankt sich immer wieder herzlich und informiert uns über die Bedürfnisse der Dorfgemeinschaft.

In den Feldern - Thiangaye im April 2015

In den Feldern – Thiangaye April 2015

Tag 5: nach der einfallsreichen und geduldigen Überwindung nicht vorhersehbarer technischer Hürden wird die neue Pumpe in Betrieb genommen, wobei Reinhart beim beherzten Ansaugen des Flusswassers einen kräftigen Schluck nimmt. Und dann sprudelt das Wasser, Kübel und Kannen werden gefüllt und zu den Pfefferminzbeeten getragen. Leider machen Schädlinge den Pflänzchen das Leben schwer…

Wir schlendern in Flussnähe zwischen den Feldern mit Reis, Zwiebeln und Mais. Hier gibt es Bewässerung und alles sieht grün und saftig aus. Der Abend wird sehr lang, heute gibt es ein besonderes Nachtmenü, im Hause Sy zubereitet und – wie nicht anders zu erwarten – „nechne“…

Tag 6: Heute ist der Tag unserer Abreise. Ein Besuch in der Bäckerei geht sich noch aus, denn wir wollen den Mann kennen lernen, dem wir dieses unglaublich köstliche Weißbrot zum Frühstück verdanken. In einer schlichten Lehmhütte finden wir ihn, da gibt es einen Arbeitstisch, ein Regal und einen schlichten Backofen aus Lehmziegeln. Ich staune, was mit so einfachen Mitteln machbar ist!

Fazit: Es war für uns beide als privilegierte Menschen aus einem der reichsten Länder der Welt unvorstellbar, welche Armut und welches Ausmaß an „Nichtbesitz“ möglich ist. Die Menschen sind bescheiden, doch es fehlt so vieles, das auf diesem Planeten im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein sollte – ärztliche Notdienste, Rettungswesen, Müllabfuhr, Sozialversicherungssysteme, Arbeitsmöglichkeiten, die Chance auf Bildung und Selbstentfaltung, um nur einige Punkte zu nennen.

Was die persönliche Ebene betrifft: die Begegnung mit den Menschen hier war für Reinhard und mich absolut bereichernd, wir haben Nähe, Spaß und gegenseitige Wertschätzung erfahren. Wir haben nun eine ganz neue Sicht auf den Kontinent, für den in unserem Erleben dieses kleine Dorf im Senegal steht.

Hilde Hanko, Kirchbach